Der Tag war lang, die Beine fühlen sich schwer an und eigentlich wäre Ruhe jetzt genau das Richtige. Für den Abend steht allerdings noch eine Verabredung im Kalender.
Absagen?
Dann kommen die Gedanken: Vielleicht geht es ja doch. Ich möchte nicht schon wieder diejenige sein, auf die Rücksicht genommen werden muss. Und so schlimm ist es schließlich auch nicht.
Also hingehen – obwohl der Körper längst etwas anderes signalisiert.
Genau solche Situationen begegnen Tina Schwarz immer wieder. Als Lipödem-Coach und selbst Betroffene beschäftigt sie sich viel mit einer Frage, die zunächst gar nicht unmittelbar nach Lipödem klingt: Wie gut nehmen wir eigentlich wahr, was wir selbst brauchen?
„Viele Frauen funktionieren im Alltag einfach nur noch und stellen sich selbst hinten an“, beschreibt Tina ihre Erfahrung aus dem Coaching. Häufig geht es zunächst um Themen wie Ernährung, Bewegung oder Abnehmen. Im Laufe der Gespräche wird jedoch oft sichtbar, dass auch Stress, Überforderung und fehlende Grenzen eine Rolle spielen.
Für Tina bedeutet Grenzen setzen dabei ausdrücklich nicht, sich wegen des Lipödems immer weniger zuzutrauen.
„Für mich geht es darum, wieder wahrzunehmen: Was brauche ICH und was tut MIR gerade gut?“
Genau darin liegt die Balance, um die es in diesem Artikel gehen soll: den eigenen Körper ernst nehmen, Nein sagen dürfen und für die eigenen Bedürfnisse einstehen – ohne das Leben aus Angst vor Beschwerden immer kleiner werden zu lassen.
Wie Selbstfürsorge bei Lipödem darüber hinaus im Alltag aussehen kann, haben wir in einem eigenen Ratgeber ausführlicher zusammengefasst. ♡
Die eigene Grenze überhaupt wieder wahrnehmen
Bevor eine Grenze kommuniziert werden kann, muss sie zunächst wahrgenommen werden. Und genau das fällt nicht immer leicht.
Tina erlebt, dass viele Frauen gelernt haben, körperliche Signale eher zu übergehen als darauf zu reagieren. Sie machen weiter, obwohl die Beine schwerer werden, Schmerzen zunehmen oder der Körper eigentlich nach einer Pause verlangt.
Hinzu kommt, dass manche Betroffene über Jahre mit Aussagen wie „Du musst dich einfach mehr bewegen“ oder „Du musst nur abnehmen“ konfrontiert wurden. Laut Tina kann das dazu führen, dass man irgendwann sogar das eigene Körpergefühl infrage stellt.
Ist es wirklich zu viel? Oder stelle ich mich gerade nur an?
Tina rät dazu, solche Empfindungen zunächst wahrzunehmen, bevor sie bewertet werden.
„Wenn dein Körper dir signalisiert, dass etwas zu viel ist, dann nimm das erstmal ernst, statt es direkt zu bewerten.“
Dabei geht es nicht darum, jedes unangenehme Gefühl automatisch als Stoppschild zu verstehen. Schmerzen, Schweregefühl, Erschöpfung oder ein erhöhtes Ruhebedürfnis können von Tag zu Tag unterschiedlich ausgeprägt sein. Je besser Sie Ihre persönlichen Muster kennen, desto leichter lässt sich einschätzen, wann eine Pause tatsächlich sinnvoll ist.
Tinas einfacher Tipp für den Alltag: regelmäßig kurz einchecken.
♡ Der 2-Minuten-Check-in
Fragen Sie sich zwischendurch:
- Was spüre ich gerade körperlich?
- Wie voll ist mein Akku?
- Wie stark sind Schmerzen, Stress oder Erschöpfung gerade auf einer Skala von 1 bis 10?
- Was brauche ich im Moment?
„Wir müssen nicht immer erst warten, bis der Körper die absolute Notbremse zieht“, sagt Tina.
Manchmal braucht es danach tatsächlich Ruhe. Manchmal reicht aber auch eine kleine Anpassung: eine Pause, ein Positionswechsel, früher nach Hause zu gehen oder einen Plan etwas anders zu gestalten.
Warum aus einem inneren Nein trotzdem so oft ein Ja wird
Zu merken, dass etwas zu viel ist, bedeutet noch lange nicht, dass anschließend auch ein Nein über die Lippen kommt. Genau hier sieht Tina eine enge Verbindung zum People Pleasing.
Wer möglichst niemanden enttäuschen möchte, sagt schnell Ja, obwohl innerlich längst ein Nein da ist. Mit Lipödem kann sich dieser Druck noch verstärken: Vielleicht möchten Sie nicht schon wieder absagen, keine „Extrawurst“ brauchen oder das Gefühl vermitteln, andere müssten wegen Ihrer Erkrankung ständig Rücksicht nehmen.
Tina kennt dieses Muster nicht nur aus ihrer Arbeit: „Früher war gefühlt alles und jeder wichtiger als ich. Ich wollte es immer allen recht machen und habe dabei eine Person komplett vergessen: MICH!“
Auch in unserem Interview über Ernährung und Lipödem spricht Tina darüber, wie sehr körperliches und emotionales Wohlbefinden zusammenspielen können.
Ihr erster Tipp für Menschen, die sich darin wiedererkennen, ist überraschend simpel:
Nicht sofort antworten.
Statt reflexartig zuzusagen, können Sie sagen: „Ich überlege es mir und gebe dir Bescheid.“
Diese kleine Pause schafft Raum, um sich ehrlich zu fragen:
Möchte ich das wirklich? Habe ich gerade die Kraft dafür? Oder sage ich nur Ja, weil ich niemanden enttäuschen möchte?
Nicht jedes Ja, das aus Rücksicht entsteht, ist automatisch problematisch. Entscheidend ist, dass Ihre eigenen Bedürfnisse überhaupt Teil der Entscheidung werden.
Grenzen kommunizieren, ohne sich ständig zu rechtfertigen
Wenn ein Nein feststeht, muss daraus keine lange Erklärung werden.
Tina empfiehlt klare, einfache Ich-Botschaften: „Ich merke, dass mir das heute zu viel wird und ich eine Pause brauche.“
Auch Sätze wie „Heute passt es für mich nicht“ oder „Ich brauche heute Zeit für mich“ dürfen ausreichen.
Gerade beim Lipödem entsteht schnell das Gefühl, eine Entscheidung besonders ausführlich begründen zu müssen. Warum Sie eine Unternehmung absagen. Warum Sie eine Pause benötigen. Warum Sie Kompression tragen. Wie Sie sich ernähren. Warum Sie sich für oder gegen eine Liposuktion entscheiden.
Doch erklären und rechtfertigen sind für Tina zwei unterschiedliche Dinge:
„Ich entscheide selbst, wann, mit wem und wie viel ich über mein Lipödem erzählen möchte.“
Sie dürfen erklären, wenn Sie es möchten. Sie müssen niemanden von Ihrer Perspektive überzeugen. Das gilt auch dann, wenn eine Grenze nicht sofort akzeptiert wird. Tina empfiehlt, sie ruhig zu wiederholen, statt immer neue Argumente zu liefern.
Werden Grenzen dauerhaft bewusst übergangen, darf daraus auch eine Konsequenz entstehen – beispielsweise ein Gespräch zu beenden, eine Situation zu verlassen oder mehr Abstand zu nehmen.
Denn, so Tina:
„Ich nehme meine eigene Grenze genauso ernst, wie ich es von meinem Gegenüber erwarte.“
Und wenn danach das schlechte Gewissen kommt?
Das Nein ist ausgesprochen. Eigentlich wäre die Sache damit erledigt.
Nur der eigene Kopf hat andere Pläne.
War ich egoistisch? Ist die andere Person jetzt enttäuscht? Hätte ich mich doch mehr erklären sollen?
Tina kennt diese Gedanken selbst. Früher fiel ihr besonders schwer, Nein zu sagen, ohne anschließend lange darüber nachzudenken, was andere von ihr halten könnten. Heute sieht sie das schlechte Gewissen anders:
„Ein schlechtes Gewissen bedeutet aber nicht automatisch, dass meine Entscheidung falsch war. Manchmal bedeutet es einfach nur, dass Grenzen setzen noch ungewohnt ist.“
Ein hilfreicher Perspektivwechsel kann sein, sich zu fragen: Was würde ich einer guten Freundin in derselben Situation raten?
Mit anderen sind wir häufig verständnisvoller als mit uns selbst.
Und noch etwas gehört für Tina dazu: Andere Menschen dürfen enttäuscht sein. Eine Freundin darf es schade finden, dass Sie nicht kommen. Ein Partner darf sich etwas anderes gewünscht haben. Das bedeutet nicht automatisch, dass Sie Ihre Grenze zurücknehmen müssen.
♡ Sie können Verständnis für die Gefühle Ihres Gegenübers haben und trotzdem bei Ihrer Entscheidung bleiben.
Selbstfürsorge oder Vermeidung: Schützt mich meine Grenze oder macht sie mein Leben kleiner?
Hier wird das Thema komplizierter. Denn Tina warnt ausdrücklich davor, Grenzen setzen mit möglichst viel Vermeidung gleichzusetzen.
„Selbstfürsorge bedeutet nicht, sich vor allem zu schützen oder nichts mehr zuzutrauen.“
Manchmal sagt der Körper tatsächlich Nein. Vielleicht sind Schmerzen stärker, die Beine schwerer oder die Energie heute schlicht nicht da.
Manchmal meldet sich aber vor allem die Angst: Was, wenn es anstrengend wird? Was, wenn meine Beschwerden später stärker werden? Was, wenn ich nicht mithalten kann?
Für Tina ist genau diese Unterscheidung ein wichtiger Teil gesunder Selbstfürsorge.
Tina empfiehlt vier Fragen, wenn Sie unsicher sind:
Schützt mich diese Grenze – oder begrenzt sie mich?
- Was sagt gerade wirklich Nein: mein Körper oder meine Angst?
- Was würde passieren, wenn ich es trotzdem versuche?
- Kann ich die Situation anpassen, statt sie komplett zu vermeiden?
- Tut mir diese Grenze langfristig gut oder macht sie meine Welt immer kleiner?
Die Antwort muss nicht immer eindeutig sein. Auch Grenzen dürfen sich verändern. Was heute richtig ist, kann in einigen Monaten anders aussehen. Der eigene Körper verändert sich, Situationen verändern sich und wir lernen dazu.
Für Tina gehört deshalb beides zusammen: zu erkennen, wann eine Pause notwendig ist und genauso zu merken, wann man sich wieder etwas zutrauen darf.
Drei kleine Schritte für den Alltag
Grenzen setzen muss nicht mit der größten Konfrontation Ihres Lebens beginnen.
Wenn Tina Betroffenen nur drei kleine Werkzeuge mitgeben könnte, wären es diese:
- Regelmäßig einchecken:
Wie geht es mir gerade wirklich und was brauche ich? - Nicht sofort Ja sagen:
Erst Zeit verschaffen und dann bewusst entscheiden. - Klar kommunizieren:
„Ich merke, dass mir das gerade zu viel ist und ich brauche eine Pause.“
Einfach klingt das tatsächlich. Einfach umzusetzen ist es nicht immer.
Auch Tina beschreibt das Lernen, eigene Bedürfnisse ernst zu nehmen, als einen fortlaufenden Prozess. Früher haben sie häufig entschieden, was andere von ihr erwarten könnten. Heute merke sie schneller, wenn sie sich selbst wieder hintenanstellt.
Was sich dadurch verändert hat?
Mehr Ruhe und Leichtigkeit, sagt sie. Und die Erkenntnis, dass die eigenen Bedürfnisse wichtig zu nehmen nicht bedeutet, anderen Menschen weniger zu geben.
„Mich selbst wichtig zu nehmen, bedeutet nicht, dass mir andere Menschen weniger wichtig sind.“ ♡
Fazit: Grenzen sollen Ihr Leben nicht kleiner machen
Grenzen setzen mit Lipödem bedeutet nicht, sich möglichst viel zu verbieten.
Es bedeutet auch nicht, Beschwerden zu ignorieren, um bloß niemandem zur Last zu fallen.
Dazwischen liegt ein Raum, den Tina in ihren Antworten immer wieder beschreibt: den eigenen Körper wahrnehmen, Bedürfnisse ernst nehmen, Entscheidungen bewusst treffen und trotzdem offen dafür bleiben, was möglich ist.
Vielleicht beginnt das mit einer kleinen Frage:
Wo sage ich aktuell Ja, obwohl ich eigentlich Nein meine?
Und direkt danach:
Was würde ich stattdessen gerne sagen oder verändern?
Nicht jede Grenze muss sofort groß sein. Und nicht jede Grenze muss für immer gelten. Tinas vielleicht schönster Gedanke fasst es zusammen:
„Am Ende geht es für mich um genau das, was ich selbst lange lernen musste: Mich selbst wichtig zu nehmen, ohne dabei zu vergessen, dass das Leben trotz Lipödem gelebt werden möchte!“

Mehr von Tina Schwarz
Tina Schwarz begleitet als Lipödem-Coach Frauen dabei, ihren individuellen Umgang mit dem Lipödem zu finden – unter anderem rund um Ernährung, Bewegung, Selbstfürsorge und den Alltag mit der Erkrankung.
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